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Photovoltaik Ost-West oder Süd: Welche Ausrichtung lohnt sich?

von Clever-Bauen.de Redaktion | Sep. 1, 2026

Die meisten Angebote für eine Photovoltaikanlage beginnen mit derselben Feststellung: „Ihr Dach zeigt leider nach Osten und Westen.“ Was danach kommt, klingt oft wie eine Entschuldigung, manchmal auch wie ein Grund, das Projekt zu verschieben.

Die Zahlen geben das nicht her. Ein Ost-West-Dach liefert weniger Rohertrag als ein Süddach, aber der Abstand ist kleiner als der Ruf, und ein Teil davon kommt an anderer Stelle wieder zurück. Entscheidend ist am Ende nicht, wie viel Strom das Dach erzeugt, sondern wie viel davon bei dir im Haus bleibt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Ost-West bringt rund 80 bis 90 Prozent des Ertrags eines Süddachs
  • Südost und Südwest kosten nur etwa 5 Prozent
  • Zwischen 10 und 60 Grad Neigung sind noch 90 Prozent des Optimums drin
  • Ost-West verteilt den Strom auf Morgen und Abend und passt damit besser zum Haushalt
  • Die 60-Prozent-Kappung trifft Süddächer deutlich härter als Ost-West-Dächer
  • Auf zwei Dachhälften passt oft fast doppelt so viel Fläche wie auf einer
  • Ein schattenfreies Ostdach schlägt ein verschattetes Süddach

Was die Himmelsrichtung an Ertrag kostet

Als Rechengröße dient der spezifische Ertrag in Kilowattstunden je installiertem Kilowatt-Peak. In Deutschland liegt er bei einem gut ausgerichteten Dach zwischen 900 und 1.100 kWh je kWp, im Süden etwas höher als im Norden. Die folgende Reihe rechnet mit 1.000 kWh je kWp für ein Süddach mit 30 Grad Neigung und einer 10-kWp-Anlage.

Ausrichtung (30° Neigung) Anteil am Optimum Ertrag 10 kWp
Süd 100 % 10.000 kWh
Südost oder Südwest rund 95 % 9.500 kWh
Ost-West 80 bis 90 % 8.000 bis 9.000 kWh
Nord 50 bis 70 % 5.000 bis 7.000 kWh

Südost und Südwest sind praktisch gleichwertig mit Süd. Ein Verlust von fünf Prozent entspricht bei 10 kWp etwa 500 kWh im Jahr, also rund 40 Euro Einspeisevergütung. Darüber lohnt keine Diskussion.

Beim Norddach hängt viel an der Neigung. Je flacher das Dach, desto kleiner der Nachteil, weil sich die Fläche der Waagerechten annähert und die Himmelsrichtung an Bedeutung verliert. Ein steiles Norddach mit 45 Grad ist dagegen selten sinnvoll.

Die Neigung ist toleranter, als viele denken

Der optimale Winkel liegt in Deutschland bei 30 bis 35 Grad, in Norddeutschland eher am oberen, in Süddeutschland eher am unteren Rand. Zwischen 20 und 45 Grad beträgt der Verlust weniger als fünf Prozent, und selbst zwischen 10 und 60 Grad sind noch etwa 90 Prozent des maximalen Ertrags erreichbar.

Für die Praxis heißt das: Die vorhandene Dachneigung ist so gut wie nie ein Ausschlussgrund. Wichtiger als der letzte Grad ist, dass ab etwa 12 Grad der Selbstreinigungseffekt einsetzt. Bei flacheren Modulen bleibt mehr Schmutz liegen, was den Ertrag über die Jahre stärker drückt als der Winkel selbst.

Die Rechnung am gleichen Haus

Rohertrag ist nur die halbe Antwort. Was zählt, ist der finanzielle Ertrag, und der hängt daran, wie viel Strom du direkt selbst verbrauchst. Denn jede selbst genutzte Kilowattstunde spart rund 37 Cent Bezugskosten, während eine eingespeiste seit dem 1. August 2026 nur noch 7,70 Cent bringt. Das Verhältnis ist fast fünf zu eins.

Genau hier hat Ost-West seinen Vorteil. Eine Südanlage produziert einen steilen Berg um die Mittagszeit, wenn im Haus kaum jemand ist. Eine Ost-West-Anlage hat zwei flachere Hügel, morgens und abends, also dann, wenn gekocht, gewaschen und geduscht wird.

Die folgende Rechnung geht von einem Haushalt mit 4.000 kWh Jahresverbrauch aus, ohne Speicher, 37 Cent Bezugspreis und 7,70 Cent Einspeisevergütung.

10 kWp, ohne Speicher Süd Ost-West
Jahresertrag 10.000 kWh 8.500 kWh
davon selbst verbraucht 1.250 kWh 1.360 kWh
Ersparnis Strombezug 463 € 503 €
Einspeisevergütung 674 € 550 €
Nutzen pro Jahr 1.137 € 1.053 €

Das Süddach liegt vorn, aber nur mit 84 Euro im Jahr. Von den 15 Prozent weniger Rohertrag bleiben finanziell etwa sieben Prozent übrig. Die andere Hälfte holt Ost-West über den höheren Eigenverbrauch zurück.

Die 60-Prozent-Kappung verschiebt das Bild

Seit dem Solarspitzengesetz dürfen neue Anlagen ab 2 kW, die nach dem 25. Februar 2025 in Betrieb gegangen sind, nur 60 Prozent ihrer Leistung ins Netz einspeisen, solange kein intelligentes Messsystem mit Steuerbox installiert ist. Sobald der Messstellenbetreiber beides eingebaut und getestet hat, fällt die Drossel weg. Bis dahin können Monate vergehen.

Wen das trifft, hängt an der Form der Erzeugungskurve. Eine Simulation der HTW Berlin kommt auf Abregelungsverluste zwischen 1,1 Prozent bei Ost-West-Anlagen und 9,0 Prozent bei Südanlagen. Der steile Mittagsberg der Südanlage ragt regelmäßig über die Grenze, die zwei flachen Hügel der Ost-West-Anlage berühren sie kaum.

Auf die Rechnung oben angewendet: Dem Süddach fehlen 900 kWh Einspeisung, also rund 70 Euro, dem Ost-West-Dach knapp 100 kWh, also etwa 7 Euro. Der Vorsprung von Süd schrumpft damit auf rund 20 Euro im Jahr. In der Phase vor dem Smart-Meter-Einbau sind beide Ausrichtungen praktisch gleichauf.

Zwei Dachhälften statt einer

Der Punkt, der in der Ertragsdebatte meist untergeht: Bei einem Satteldach in Ost-West-Lage stehen dir beide Hälften zur Verfügung. Bei einem Nord-Süd-Dach ist es faktisch nur eine, weil die Nordseite selten lohnt.

Aus 10 kWp auf der Südseite werden so oft 16 bis 18 kWp auf Ost und West zusammen. Bei 850 kWh je kWp sind das rund 14.000 kWh statt 10.000 kWh, also deutlich mehr absoluter Ertrag trotz schlechterer Ausrichtung.

Zwei Dinge gehören dazu gesagt. Oberhalb von 10 kWp sinkt die Einspeisevergütung für den darüber liegenden Anteil auf 6,66 Cent, der zusätzliche Strom ist also weniger wert. Und größere Anlagen rechnen sich vor allem dann, wenn der Verbrauch mitwächst, etwa durch eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto.

Schatten wiegt schwerer als die Himmelsrichtung

Ein Baum, ein Kamin oder das Nachbarhaus kosten schnell mehr Ertrag als 90 Grad Abweichung von Süden. Weil Module in Reihe geschaltet sind, bremst ein verschattetes Modul die anderen im selben String mit aus. Bypass-Dioden in jedem modernen Modul begrenzen den Schaden, beseitigen ihn aber nicht.

Deshalb gilt: Ein schattenfreies Ostdach ist einem Süddach mit Nachmittagsschatten vorzuziehen. Bevor über Leistungsoptimierer gesprochen wird, sollten die Strings sauber getrennt sein, sodass verschattete und besonnte Bereiche unabhängig arbeiten. Optimierer kosten etwa 80 bis 120 Euro je Modul, und eine Messung der ZHAW kam in allen untersuchten Fällen auf höchstens rund fünf Prozent Mehrertrag. Ein zurückgeschnittener Baum ist meist billiger.

Was beim Wechselrichter anders ist

Eine Ost-West-Anlage braucht zwei MPP-Tracker, damit jede Dachseite in ihrem eigenen optimalen Arbeitspunkt läuft. Das ist bei üblichen Geräten Standard und kein Aufpreisthema, sollte aber im Angebot stehen.

Dafür darf der Wechselrichter kleiner ausfallen. Weil nie beide Seiten gleichzeitig ihre Spitzenleistung erreichen, lässt sich eine Ost-West-Anlage stärker überbelegen als eine Südanlage. Das spart bei der Anschaffung und verbessert die Auslastung des Geräts über den Tag.

Auf dem Flachdach kommt ein weiterer Effekt dazu. Ost-West-Aufständerungen mit 10 bis 15 Grad brauchen weniger Reihenabstand als nach Süden geneigte Reihen, weil sie sich gegenseitig kaum verschatten. Auf dieselbe Fläche passen dadurch spürbar mehr Module, und der Ballast fällt geringer aus.

Häufige Fragen

Lohnt sich eine PV-Anlage auf einem Ost-West-Dach?

Ja. Der Rohertrag liegt bei 80 bis 90 Prozent eines Süddachs, der wirtschaftliche Nachteil aber nur bei etwa sieben Prozent, weil der Eigenverbrauch höher ausfällt. Kommt die 60-Prozent-Kappung dazu, sind beide Ausrichtungen nahezu gleichauf. Ausschlaggebend ist eher, ob das Dach schattenfrei ist.

Wie viel Ertrag kostet eine Abweichung nach Südwest?

Etwa fünf Prozent. Bei einer 10-kWp-Anlage sind das rund 500 kWh im Jahr, also ungefähr 40 Euro Einspeisevergütung. Südwest hat gegenüber Süd sogar einen kleinen Vorteil, weil die Erzeugung weiter in den Nachmittag reicht.

Braucht eine Ost-West-Anlage mehr Module?

Für denselben Ertrag ja, etwa 15 bis 20 Prozent mehr. Weil aber beide Dachhälften nutzbar sind, ist dafür in der Regel genug Fläche vorhanden. Die Mehrkosten je zusätzlichem Kilowatt-Peak fallen niedriger aus als beim ersten, weil Gerüst, Wechselrichter und Anmeldung nur einmal anfallen.

Ist ein Speicher bei Ost-West sinnvoller als bei Süd?

Eher umgekehrt. Ein Speicher verschiebt Strom in den Abend, und genau das macht die Ost-West-Ausrichtung schon von allein. Der Zusatznutzen ist deshalb etwas kleiner als bei einer Südanlage, deren Mittagsspitze ohne Speicher weitgehend ins Netz geht.

Lohnt sich ein Norddach?

Nur in Ausnahmen, etwa bei sehr flacher Neigung oder wenn ohnehin ein großer Verbrauch im Haus liegt und die übrigen Flächen belegt sind. Bei 30 Grad Neigung bleiben je nach Standort 50 bis 70 Prozent des Optimums, und die Erzeugung fällt im Winter besonders stark ab.

Kann ich Ost, West und Süd auf einer Anlage mischen?

Ja, solange jede Ausrichtung an einem eigenen MPP-Tracker oder String hängt. Werden unterschiedlich ausgerichtete Module in denselben String gehängt, arbeitet die schwächere Seite die stärkere herunter. Das ist ein häufiger Planungsfehler und im Angebot leicht zu erkennen.

Was du als Nächstes tun kannst

  1. Stell mit einer Karten-App fest, wie dein First verläuft, und schätze die Abweichung von Süden.
  2. Beobachte das Dach an einem sonnigen Tag morgens, mittags und am späten Nachmittag auf Schatten.
  3. Lass dir im Angebot den erwarteten Jahresertrag je Dachseite getrennt ausweisen, nicht nur eine Gesamtsumme.
  4. Prüfe, ob beide Dachhälften belegt werden und ob dafür zwei MPP-Tracker vorgesehen sind.
  5. Frag nach, wann der Messstellenbetreiber Smart Meter und Steuerbox einbaut, denn bis dahin gilt die 60-Prozent-Grenze.
  6. Vergleiche mindestens drei Angebote auf denselben Ertragsannahmen, sonst rechnen die Anbieter aneinander vorbei.

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